Achimer Kreisblatt, 08.12.18 (Laue): Achim – Der aktuelle Anlass, gerade „Das Tagebuch der Anne Frank“ als Theaterprojekt für die Bühne zu erarbeiten, war die Schändung der Synagoge in Bremerhaven. Sie war mit Hakenkreuzen beschmiert worden.
Spürbar ergriffen und mucksmäuschenstill verfolgte Freitag das Publikum aus Schülern der zehnten Realschulklassen und der Oberstufe des Cato-Bontjes-van-Beek-Gymnasiums im Blauen Saal des Kasch die Vorstellung des „neuen Theaters CvO“ vom Bremerhavener Carl-von-Ossietzky-Schulzentrum. Das CvO-Theater gastiert zwar schon fast traditionell am ersten Freitag des Dezembers in Achim. So konzentriert und berührt wie jetzt habe sie das junge Publikum aber noch nicht erlebt, berichtete Silke Thomas vom Kasch-Team.
Als „postdramatische Szenecollage“ kennzeichnet Lehrer Rainer Behrens den ersten Teil der Aufführung, die er als Regisseur mit den Oberstufenschülern vorbereitete. Darin sind schon Elemente aus dem zweiten Teil mit enthalten, der sich direkt auf das weltberühmte Tagebuch des von den Nazis verfolgten jungen Mädchens und das Schicksal ihrer gesamten Familie bezieht. Mit „Hände hoch!“ und „An die Wand!“ als Rufe aus dem Off beginnt dieser zweite Teil gleich dramatisch und erschreckend. „Koffer packen!“ ertönt bald darauf das Kommando, und die Gruppe auf der Bühne mit „Anne Frank“ an der Spitze setzt sich in Bewegung – auf den Weg ins Arbeitslager und ins weitere Verderben. „Mein Mutter ging in ein großes Haus, und wenig später kam schwarzer Rauch heraus“, berichtet Anne Frank in ihrem Tagebuch von den furchtbaren Ereignissen im Konzentrationslager. Auch ihren Vater hat sie nie wiedergesehen. Zwei Jahre lang hatten sie und ihre Familie sich in einem Hinterhaus in Amsterdam vor Hitlers Gestapo versteckt gehabt. Schulhofszenen auf der Bühne zeigten aber auch, wie die Ausgrenzung mit Beschimpfungen wie „kleine Judenschlampe“ begann. Die Gegenwart hierzulande, in der „du Jude“ schon wieder ohne viel Bedacht als Schimpfwort unter Jugendlichen eingesetzt wird, klang bei der Aufführung mit an. „Dir werde ich alles anvertrauen“ verspricht Anne Frank gleich, als sie das Tagebuch zum 13. Geburtstag geschenkt bekommt. Das hält sie bis zum Ende durch und eröffnete dadurch Millionen von Lesern besondere Einblicke ins damalige Grauen. Das Theaterstück endet, wie es begonnen hat: Mit einem erneuten, verstörenden und wohl auch aktuell mahnenden „Hände hoch!“ und „An die Wand!“ Nicht nur den Zuschauern verlangte das Stück viel ab, sondern auch den zehn Darstellern und dem gesamten Theaterteam. Es absolvierte am Freitagvormittag zwei je anderthalbstündige Vorstellungen hintereinander – unterbrochen nur durch eine längere Kaffeepause.

Evelyn Görtz spielt Anne Frank