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Darstellendes Spiel
Neues Theater CVO. Mutter Courage und ihre Blumenkinder
Abendvorstellungen:
Freitag, 27.11.09, 19.30 Uhr, Forum CVO
Freitag, 04.12.09, 19.30 Uhr, Kleine Weltbühne CVO
Vormittagsvorstellungen in der Kleinen Weltbühne CVO:
Montag, 30.11.09, 9.45 Uhr
Freitag, 04.12.09, 19.30 Uhr
Dienstag, 08.12.09, 9.45 Uhr
Dienstag, 08.12.09, 11.45 Uhr
Mittwoch, 09.12.09, 9.45 Uhr
Mittwoch, 09.12.09, 11.45 Uhr
Donnerstag, 17.12.09 (Aula Paula-Modersohn-Schule)
Gastspiele:
Kulturhaus Alter Schutzenhof Achim, Bürgerzentrum Vahr, Bürgerhaus Vegesack, Aula Paula-Modersohn-Schule
„Mutter Courage und ihre Blumenkinder“
Mutter Courage, eine Marktfrau zieht mit ihren drei Kindern Eilif, Schweizerkas und Kattrin durch den Dreißigjährigen Krieg (1618-1648). Sie verliert Eilif, der „gerne ein Mann sein möchte“ im Krieg. Sie verliert auch Schweizerkas, der im übermäßigen Pflichtbewusstsein eine Regimentskasse sichern will. Sie verliert schließlich die stumme Tochter Kattrin, die eine bedrohte Stadt warnen möchte und deswegen von den Feinden der Stadt erschossen wird.
Mrs. Ryan verliert drei Söhne im 2. Weltkrieg. Captain Miller soll den vierten Sohn James Ryan finden und nach Hause in die USA schicken. Nachdem Captain Miller ihn gefunden hat, muss er feststellen, dass seine Mission umsonst war, denn James Ryan will bei seiner Truppe bleiben.
Berger und seine Blumenfreunde aus dem Musical „Hair“ wollen verhindern, dass ihr Freund Claude in den Vietnamkrieg zieht.
Junge Menschen in Deutschland 2009 stehen vor der Frage: Bundeswehr oder Zivildienst?
Ein tragikomischer und sehr theatralischer Bilderbogen über die Grausamkeiten des Krieges und die Sehnsucht nach Frieden.
Rezension „Neues Theater CVO. Mutter Courage und ihre Blumenkinder“
von Carla Mantel, Bremerhaven
Stell Dir vor: Alle Menschen leben im Frieden
Jugendtheatergruppe „Neues Theater CVO Bremerhaven“ spielt Brechts „Mutter Courage“ mit Blumen in den Haaren. Premiere am Freitag, 27.11.09.
Dreizehn Hippies springen auf die Bühne, zitieren Borchert, singen John-Lennon-Protestlieder und träumen von einer Welt mit Love und Peace. Inszeniert mit einem Augenzwinkern, mit Perücke, mit Peace-Zeichen, mit Sonnenbrille, mit Blumen in den Haaren, mit freier Liebe. Immer irgendwie gut drauf. Spielleiter Rainer Behrens bringt mit 13 angehenden Abiturienten des SZ Carl von Ossietzky Bertolt Brecht postdramatisch auf die Bühne: „Mutter Courage und ihre Blumenkinder“ mit Versatzstücken aus „Der Soldat James Ryan“ und aus „Hair“.
„Der Krieg ist nix als wie Geschäfte, und statt mit Käse ists mit Blei“. Sechs Feldbetten auf der Bühne dienen als Feldlazarett, als Büfetttisch, als Ladentür, als Barrikade, als Säule. 150 Zuschauer bestaunen im Forum des SZ Carl von Ossietzky die Premiere des Neuen Theaters CVO. „Der Krieg vertilgt die Schwachen? Die sind im Frieden ja auch hin!“, seufzt sich Carina Ferber (18) – in weiteren Vorstellungen von Nicole Zimmermann (16) verkörpert - als Mutter Courage zynisch durch 100 hochspannende Theaterminuten und betrauert den Tod ihrer drei geliebten Kinder. Die Mütter betrauern ihre gefallenen Kinder im Dreißigjährigen Krieg, in der Normandie, in Vietnam und wahrscheinlich heute immer noch - in Afghanistan. Hört das denn niemals auf?
Mutter Courage, eine Marktfrau, zieht mit ihren Söhnen Eilif und Schweizerkas und mit ihrer stummen Tochter Kattrin durch Deutschland und Polen im Dreißigjährigjährigen Krieg. Sie profitiert vom kriegerischen Aufrüsten. Eilif, von Akin Gerenli (19) satt und grotesk verkörpert, und Schweizerkas, in einer äußerst feinsinnigen Darstellung von Bastian Süsens (18), wollen sich nicht lumpen lassen. Sie lassen sich von den Warnungen ihrer Mutter nicht abhalten und nehmen teil am machtgierigen Potenzgeschrei einer verblendeten Kriegsgeneration. Sie sterben in allen Ehren. Aber doch umsonst. Die stumme Kattrin, bei der Premiere genial von Maria Spät (17) verkörpert, in den folgenden Vorstellungen sehr eindringlich von Stefanie Schwanitz (16), debil, abstinent und verletzlich, will einmal im Leben etwas richtig machen: Sie trommelt um ihr Leben, um eine Stadt vor dem Angriff der feindlichen Macht zu warnen. Dabei wird sie erschossen. Die traurige Mutter zieht weiter. Nur ihre Koffer bleiben ihr noch. „Der Krieg, er zieht sich noch etwas hin.“ Hört das denn niemals auf?
Brechts Originaltext überraschend radikal gekürzt, gedreht, gebrochen. Trompeten und der Sternenbanner. 1944. Der Suchtrupp von Colonel Miller aus dem großen Antikriegsfilm aus Hollywood unterwegs auf der Suche nach Private James Ryan, der drei Brüder im Krieg verloren hat, der nach Hause zurückkehren und seiner weinenden Mutter zur Seite stehen soll. Marvin Krüger (19), auf der Bühne zu sehen als George Berger, als Werber, als Captain Miller, stimmgewaltig, raumbeherrschend, komödiantisch, ironisch, heldenhaft, teilt dem falschen James Ryan den Tod seiner Brüder mit. Der falsche Ryan, präzise und glaubwürdig von Clemens Angermüller (19) vorgetragen, der auch in den Rollen des Claude und des Generals zu sehen ist, versteht die Welt nicht mehr: Seine Brüder tot? Die sind doch noch in der Grundschule!
Wenke Steinbrecher (16), burlesk, komödiantisch zu sehen in mehreren Rollen, brüllt in Soldatenuniform pedantisch in das Forum. Serkan Celen (18), ein junger Darsteller, der es versteht, Grausames paradox in Tragikomik umzusetzen, auch in den leisen Tönen sehr eindringlich, brüllt unentwegt „Stillgestanden“ und „Rechts um!“ Karina Haufschildt (18) als Pastor und als selbstherrlicher Feldwebel und Deike Lübs (19) als Hippie, als Bauersfrau, als Soldat, spielfreudig, ausdrucksstark und präzise stellen immer wieder ihre Wandlungsfähigkeit unter Beweis.
In den Vormittagsvorstellungen am 30.11.09 und am 04.12.09 betrachten die zuschauenden Schüler das tragikomische Kriegsgetummel aufmerksam, sehr interessiert und mit gemischten Gefühlen. In den vielen Nachbesprechungen nach den Vorstellungen stellen die Mitglieder des Neuen Theaters CVO ihrem Publikum ihre Produktion vor. Sie setzen sich aus den Grundkursen des Unterrichtsfaches Darstellendes Spiel an der CVO zu einer über den Unterricht hinausgehenden Theater-AG zusammen: Das Neue Theater CVO. „Schauspielerisch brillant, sehr unterhaltsam, irgendwie auch bedrückend.“, äußert sich ein Schüler einer 10. Klasse. „Ich weiß noch nicht, ob ich nach der Schulzeit zur Bundeswehr gehe. Heute ist das Soldatenleben bei der Bundeswehr nicht mehr so ungefährlich als zu den Zeiten, in denen die Bundeswehr sich nicht an Auslandseinsätzen beteiligte“, sagt ein Schüler aus dem 11. Jahrgang.
Die Blumenkinder unterdessen unterbrechen die Haupthandlung, in der Mutter Courage im tosenden Bombenhagel das Weite sucht. Sie tanzen sich von Vorstellung zu Vorstellung die Seele aus ihrem Leib und träumen von einer friedlichen Welt: „Ich will nach der Schule ein freiwilliges, soziales Jahr machen“, schreit George Berger aus dem Musical „Hair“. Figur und Schüler, Fiktion und Wirklichkeit verschmelzen zu einem friedlichen Happening. Die Hippies? Ja, so nannte man sie Ende der 60er, Anfang der 70er. „Meine Eltern waren auch Hippies”, ruft ein Zuschauer. „Imagine, there´s no heaven, no hell below us“. Eindrucksvoll wird die Hippiebewegung als Reaktion auf kriegerische Machenschaften als realer Gegenpol zu den bis dato moralischen Vorstellungen von Recht und Unrecht herausgearbeitet. Pflichtgefühle und Gehorsam , das Eintreten für das vermeintliche Wohl des Vaterlandes stehen der Entwicklung der individuellen persönlichen Identität, dem Leben, gegenüber. Die Hippies setzen sich für den Frieden ein, damit das demagogische und mörderische Kriegsgeschrei für immer verstummt. Diese Hippies können wir wieder gebrauchen. Give Peace a Chance. Ein großer Theaterabend! Eine äußerst wichtige Jugendtheaterproduktion!
